Es gibt Gerichte, die man in der Gastronomieschule lernt und danach nie wieder kocht. Die Sauce Béarnaise — Butter, Estragon, Schalotten, Eigelb, ein Anflug Essig — gehörte lange zu ihnen. Dann, fast unbemerkt, tauchte sie wieder auf: in Paris, in Kopenhagen, in Zürich.
Wer in den letzten zehn Jahren zugesehen hat, wie „New Nordic" Deutschland übernahm — fermentiertes Gemüse, Algen, Rauch — und danach die nächste Welle „natural wine, raw, low intervention" kam, der hat gelernt: Küche ist ein Pendel. Was gestern als altmodisch verworfen wurde, ist morgen der Beweis für Handwerk. Und genau an diesem Punkt steht die Béarnaise heute.
„Eine gute Sauce erkennt man daran, dass man den Koch hinter ihr vergisst."
Die Rückkehr beginnt in Paris, genauer: in einem Bistro im 11. Arrondissement, in dem Camille Laurent — selbst in den Küchen von Passard und Bras trainiert — seit zwei Jahren jeden Mittwoch ein Entrecôte mit selbstgerührter Béarnaise serviert. „Ich wollte den Klassiker", sagt Laurent, „ohne Zitat, ohne Ironie. Einfach: wie er ist." Die Gäste kommen zunächst zögerlich, dann regelmäßig, heute täglich.
Ein Handwerk ohne Abkürzung.
Technisch ist die Béarnaise kein einfaches Gericht, aber auch kein schweres. Sie verlangt Aufmerksamkeit. Die Eigelbe müssen über dem Wasserbad gerührt werden, bis sie dick werden, aber nicht stocken. Die geklärte Butter gibt man tropfenweise dazu, bis die Emulsion steht. Estragon, Schalotten und Weinessig — in einer Reduktion vorbereitet — bringen die Aromen. Zwanzig Minuten, höchstens. Aber zwanzig Minuten voller Konzentration.
Und vielleicht liegt genau darin der kulturelle Grund für das Revival. Eine Gesellschaft, die zehn Jahre lang Abkürzungen gelernt hat — vom Air Fryer bis zum Meal Kit —, findet wieder Geschmack an Zeit, die man nicht sparen kann. Eine Sauce ist kein Rezept, das man delegieren kann. Sie ist Anwesenheit.
Was bei Laurent als kleine private Geste begann, ist mittlerweile ein Trend. Das Relae in Kopenhagen serviert sie zu einem gegrillten Weißkohl. Im Züricher Kronenhalle war sie immer schon auf der Karte — jetzt ist sie wieder das meistbestellte Stück. In München bereitet Hans Haas sie wie früher zu: im Kupfertopf, auf der Gasflamme, nicht im Bain-Marie.
Vielleicht ist das die eigentliche Nachricht. Wir kommen nicht zur Béarnaise zurück, weil sie modisch ist. Wir kommen zurück, weil wir gemerkt haben, dass nicht alles, was alt ist, deshalb schon überholt ist. Dass manche Dinge genau deshalb funktionieren, weil sie nicht optimiert wurden. Und dass man in einem Abend mit Freunden, einer Flasche Rotwein und einem Stück Fleisch mit Sauce mehr über das gute Leben lernt als in einer Woche Podcast-Konsum.
Butter, Salz, Zeit.
Wer eine Sauce ernst nimmt, nimmt auch andere Dinge ernst.